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"Eine Brücke der Menschlichkeit bauen"

Interview mit Schirmherrin Dr. Monika Wulf-Mathies

Sie haben 2010 u.a. die Schirmherrschaft für den Hospizverein Bonn und Bonns stationäres Johanniter-Hospiz übernommen. Warum?

Monika Wulf-Mathies: Ich wollte gern mithelfen, in der Öffentlichkeit für die Hospizbewegung zu werben, weil sie eine Brücke der Menschlichkeit für die schwierigste Phase des Lebens baut und damit eine unverzichtbare Arbeit für eine alternde Gesellschaft leistet. Außerdem war und ist es mir wichtig, dass wir alle lernen, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen und dafür zu sorgen, dass Menschen ihren letzten Weg nicht allein und einsam gehen müssen.

 

Und, wie fühlt es sich an, das Ehrenamt nach einer steilen beruflichen Karriere?

Wulf-Mathies: Das fühlt sich sehr gut an. Wer sich im Beruf für Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt hat, für den bleibt soziales Engagement auch im Alter ein wichtiges Thema. Ohne die Bereitschaft der vielen Ehrenamtler wäre unsere Gesellschaft ärmer. Aber wer sich engagiert, bekommt auch viel zurück und weiß, dass er gebraucht wird.

 

Stellt sich dabei eigentlich auch Ihnen persönlich die Frage nach dem Tod?

Wulf-Mathies: Mit zunehmendem Alter kommt der Tod näher, z.B. durch Eltern und Freunde, die sterben. Aber ich denke auch häufiger über mein eigenes Leben nach: dankbar für alles, von dem ich glaube, dass es gut war, aber auch mit einer gewissen Scheu, mir das Ende vorzustellen. Und da ist es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, auf deren Zuwendung man sich verlassen kann.

 

Ein kurzer Ausflug zum Thema Sterbehilfe. Der Bundestag hat sie 2015 neu geregelt. Wie sehen Sie die aktuelle Debatte?

Wulf-Mathies: Ich glaube, die Ehrfurcht vor dem Leben und die Achtung vor der Selbstbestimmung des Einzelnen verbieten technokratische Lösungen. Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch die Chance hat, nicht nur ohne Schmerzen zu sterben, sondern auch so liebevoll begleitet zu werden, dass sich die Frage nach aktiver Sterbehilfe nicht stellt.

 

Am Beginn der Hospizbewegung steht das Gebet Jesu im Garten Gethsemane, als er zu den Jüngern spricht: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“. Dazu ist auch heute nicht jeder imstande? 

Wulf-Mathies: Der Glaube ist sicher eine große Hilfe, wenn Menschen mit dem Tod konfrontiert sind. Aber es bleibt dennoch für die meisten Menschen schwierig, damit umzugehen.

 

Was leisten hier der Hospizverein und Bonns stationäres Hospiz?

Wulf-Mathies: Der Hospizverein besteht zuallererst aus Menschen, die dafür sorgen, dass Kranke und Sterbende in ihrer letzte Lebensphase nicht allein sind, die mit ihrem Engagement dazu beitragen, dass Menschen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, die sie begleiten und ihnen helfen, ihre Würde und Selbstbestimmung auch im Sterben zu bewahren. Der Hospizverein organisiert ein Netzwerk aus hauptamtlichen Koordinatorinnen und ehrenamtlichen Begleitern und Begleiterinnen und kooperiert mit dem Johanniter-Hospiz, um eine möglichst lückenlose Betreuung sicherzustellen.

 

Der Hospizverein sorgt aber ausdrücklich nicht nur für Christen?

Wulf-Mathies: Nein, es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass unsere Arbeit allen Menschen in ihrer letzten Lebensphase zugutekommt, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören, an wen oder was sie glauben.

 

Wie erleben Sie die vielen Aktiven, die Sterbende begleiten?

Wulf-Mathies: Es ist für mich immer wieder berührend, wie sehr sich die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer durch diese Arbeit selbst bereichert fühlen und wieviel Freude sie mit den schwerkranken Menschen teilen.

 

Warum ist der neue „Letzte-Hilfe-Kurs“ des Vereins immer sofort ausgebucht?

Wulf-Mathies: Weil viele Menschen unsicher sind, wie sie sich gegenüber Todkranken und Sterbenden verhalten sollen. Die „Letzte-Hilfe-Kurse“ vermitteln praktisches Wissen, z.B. über Patientenverfügungen, vor allem aber ein Gefühl dafür, wie Angehörige Sterbende durch ihre Zuwendung und Präsenz das Abschiednehmen erleichtern können. Viele gehen gestärkt aus diesen Kursen heraus und fühlen sich den Herausforderungen im Umgang mit dem Sterben besser gewachsen.

 

Letzte Frage: Sie haben 2018 den WDR nach Strukturen des Machtmissbrauchs durchleuchtet. Hat der Sender Konsequenzen gezogen? 

Wulf-Mathies: Ja, der WDR hat eine Dienstvereinbarung zum Schutz vor sexueller Belästigung, Diskriminierung und Machtmissbrauch abgeschlossen und begonnen, sich dem Thema Kulturwandel zu stellen. Aber ein respektvolles und diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu gewährleisten, ist eine Daueraufgabe.

 

Liebe Frau Wulf-Mathies, vielen Dank für das freundliche Gespräch. 

 

Interview: Ebba Hagenberg-Miliu

 

 

 

Zur Person:

Dr. Monika Wulf-Mathies, Jahrgang 1942, war von 1982 bis 1994 Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), von 1995 bis 1999 EU-Kommissarin in Brüssel, dann europapolitische Beraterin im Bundeskanzleramt, von 2001 bis 2008 Leiterin des Zentralbereichs „Politik und Nachhaltigkeit“ bei der Deutschen Post DHL sowie von 2009 bis 2011 Beraterin des Vorstands.

 

Das Interview erschien im Magazin "Dialog 01/2019" des Hospizvereins Bonn.

Das Blatt ist auf dieser Homepage online zu lesen unter:

https://www.hospizverein-bonn.de/seminare-kurse-termine/dialog.html

 

 

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