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"Su lang mir noch am läve sin"

Die Nachbarschaft des Hospizvereins in der Junkerstraße dürfte dieser Tage nicht schlecht gestaunt haben. Da sang, wo ansonsten der Bonner ambulante Begleitdienst für Sterbende organisiert wird, ein Referent doch wirklich Karnevalslieder. Der Hospizverein Bonn hatte mit Wolfgang Oelsner einen Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht geladen. Der intonierte das „Wir kommen alle alle alle in den Himmel“ des legendären Jupp Schmitz ebenso wie den alten Willi-Ostermann-Evergreen „Ich mööch zo Foß noh Kölle jon“. Und da speziell die zweite Strophe mit dem Versprechen „Un deit d’r Herrjott mich ens rofe“, also „und ruft Gott mich eines Tages“, klar, dann wird der Kölsche Jung natürlich auch dem Petrus an der Himmelspforte von seiner geliebten Heimatstadt erzählen. 

Der rheinische Jeck und das Himmelspersonal auf Augenhöhe? Karneval und Tod, passen die wirklich zusammen? Wolfgang Oelsner ist davon überzeugt. Das Memento mori, das Bewusstsein also, sterblich zu sein, komme gerade im rheinischen Alltag sehr wohl auch im Schunkelrhythmus daher, meint der Mann, der im Brotberuf als Psychotherapeut und Pädagoge arbeitet – und über Jahrzehnte im Kölner Karneval musikalisch aktiv ist. Gerade im Rheinland tauchten Verlust- und Abschiedsgedanken erstaunlich oft in Karnevalsliedern und Schlagern auf, weist er nach. Und die würden dann sogar in Trauerhallen gesungen, etwa Trude Herrs unvergessenes „Niemals geht man so ganz“ oder das Lied „Kumm mer lääve bevür mer stirve, als wör dat hück dä letzte Daach“ der Gruppe „Kasalla“. Das Leben bis zum letzten Tag auszukosten, diese Botschaft sei gerade in den tollen Tagen beliebt.

Singen als Schutzmechanismus der Seele

Besonders im Rheinland platze also das Sterben per Liedtext mitten ins fröhliche Fest hinein. Erläutert Oelsner. Meist merkten die Feiernden es überhaupt nicht, denn auch der Tod verkleide sich. Er komme in harmlosen Metaphern daher, als „Freund Hein“, mit dem der Narr sofort auf Du und Du ist. Selbst beim Schunkeln hake der Sensenmann sich ein. Er habe sich kostümiert, als Gerippe, mit dem man lachen, ja das man sogar auslachen könne. Im gemeinsamen Singen jecker Lieder funktioniere dann ein Schutzmechanismus der Seele. „Wenn Angst übermächtig wird, erleben wir eine Vorstufe zum Tod, die Ohn-Macht“, meint Oelsner. Wer aber singe und rede, der sei nicht ohnmächtig, er liefere sich nicht der Übermacht aus. Er hole sich seine Würde zurück. 

Der Jeck tue dann das, was die Christen im „Osterlachen“ liturgisch inszenierten: Er feiere den Sieg des Lebens über den Tod: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“, fragt die Bibel. In unbekümmerter Gemeinschaft vom Leben und Sterben zu singen, das könne also vorbeugend trösten. „Allerdings nur vordergründig. Eine Trauerarbeit ersetzt es natürlich nicht“, sagt Oelsner. Zur Trauer könne aber der Karneval durchaus ermutigen. 

Karneval nimmt dem Tod den Schrecken

In der hospizlichen Arbeit sei die fünfte Jahreszeit ebenso präsent wie im sonstigen Alltag, bestätigen auch Ines Baltes und Gudrun Müller. Sie schicken als Koordinatorinnen des Bonner Hospizvereins im gesamten linksrheinischen Stadtgebiet und in Wachtberg ausgebildete Kräfte zu Sterbenden direkt nach Hause oder in Altenheime. Auch in Bonns stationäres Hospiz am Waldkrankenhaus der Johanniter entsendet der Verein Ehrenamtliche, um schwerstkranke Menschen und ihre Angehörigen zu begleiten. Lachen und Weinen, Kommen und Gehen gehörten zum Leben hinzu, wenngleich man das Sterben heutzutage ja allzu gerne ausklammere, sagen Baltes und Müller. In ihrem Arbeitsalltag beobachteten sie, dass es durchaus auch einige Kranke im Schunkelrhythmus schafften, dem Tod den Schrecken zu nehmen. Über einige Jahre brachte der Verein sogar einen ambulanten Karnevalsdienst ins stationäre Hospiz. 

Gudrun Müller kommt gerade von einem Erstbesuch zurück. Eine lebensfrohe Frau habe kurz zuvor eine Diagnose erhalten, die ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Die Angehörigen suchten Hilfe. „Heute will ich nicht weiter darüber reden. Heute will ich leben“, habe die Frau jedoch gesagt. Es entscheide jeder selbst, ob und wie er sich mit dem Sterben auseinandersetze, betont Müller. Ob nun nach dem Karneval oder wann immer. Sie wird wieder zu der Kranken gehen und ihr vor allem zuhören. Und die Angehörigen beraten. „Su lang mir noch am läve sin, am laache, kriesche, danze sin“, nutze den Tag, singt die Kölschrockgruppe „Brings“ im Refrain, Hochdeutsch übersetzt also: „So lange wir noch leben, lachen, weinen, tanzen“, sei bereit. Der Aschermittwoch und damit der Beginn der Fastenzeit, der komme in jedem Fall, ebenso wie der Aschermittwoch des Lebens, sagt Wolfgang Oelsner, der Referent beim Hospizverein Bonn.

Freund Hein schaut schon mal um die Ecke

Wenn der Rheinländer Karneval feiere, dann verdränge er also nicht den Tod, sondern stelle sich ihm. Das Brauchtum erfülle in der heutigen säkularisierten Welt, was die Religionen über Jahrhunderte geleistet hätten. Im Videoclip der Kölschen Gruppe „Kasalla“ zu ihrem Lied „Kumm mer lääve“ bricht denn auch eine Seniorentruppe frech aus dem Altenheim aus. Jubelnd singen die mopsfidelen Greise: „Komm, wir leben, bevor wir sterben, als wäre das heut der letzte Tag“. Und jede Session wieder schunkeln ganze Karnevalssäle mit. 

„Nix es ömesöns,“ singt die Gruppe Bläck Fööss, „kei Bier, kein Flönz“, also auch keine Blutwurst, nichts sei umsonst, erinnert Peter Schneemelder, der Vorsitzende des Hospizvereins Bonn. Er ist evangelischer Pfarrer im Ruhestand und zitiert nun den katholischen Amtskollegen des Liedes, der das alljährliche Verbrennen der kölschen „Nubbel“-Strohpuppe in der Veilchendienstagsnacht beschwört. Der Wirt verliere mit dem mannsgroßen „Nubbel“ seinen letzten Gast. Aber sein Bier und die Blutwurst, die habe auch der „Nubbel“ noch bis zum Morgengrauen genossen. Feiere ab bis zum Aschenkreuz, heißt es in einem Song der Gruppe Brings, „Voll op die Mütz bes zom Äschekrütz“. Und nur vordergründig geht es hier um „Hoch die Tassen“. In Wahrheit lugt, auch wenn die Tanzmariechen ihre Beine in die Luft schmeißen, schon „Freund Hein“ immer mal wieder um die Ecke.  

(Erschienen im General-Anzeiger Bonn am 9. Februar 2019, Autorin: Ebba Hagenberg-Miliu)

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