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Klinikseelsorge in Corona-Zeiten

„Wir Seelsorger sind in einer Zwickmühle“.

Wegen der Coronakrise können auch Klinikseelsorger kaum mehr an die Betten von Patienten kommen.

Bonn. Die Coronakrise hat aktuell auch die Arbeit der Krankenhausseelsorger von Grund auf verändert. „Mir ist letztlich mein Haupthandwerkszeug genommen: die aufsuchende Praxis“, bedauert es Winfried Semmler-Koddenbrock, der katholische Seelsorger im Johanniter-Krankenhaus. In die Zimmer der 365 Patienten zu gehen und das Gespräch anzubieten, das sei nicht mehr möglich. Der Kontakt laufe jetzt über Telefon und E-Mails. Persönliche Gespräche seien nur noch in dringlichen Ausnahmen gestattet, berichtet der 63-Jährige. „Und wie alle anderen müssen wir Seelsorgende innerhalb des Krankenhauses jetzt Mundschutz tragen.“ Falls es in dringender Situation zu einem Kontakt mit Patienten komme, werde vom Haus aus die notwendige Schutzausrüstung gestellt.

„Wir sind in einer Zwickmühle. Zur Seelsorge gehört es ja gerade, den Menschen nahe zu sein. Und das können wir momentan nicht“, so Semmler-Koddenbrock. Man selbst könne letztlich schwer nachvollziehen, was es für einen Kranken wirklich heiße, nicht mehr besucht zu werden, wenn er gerade darauf angewiesen sei. Seine evangelische Kollegin Carla Vanselow darf im Gemeinschaftskrankenhaus, also im Haus St. Elisabeth und Haus St. Petrus mit ihren 450 Betten, ebenfalls nur noch gezielt einzelne Patienten betreuen. Auch sie muss das unter Einhaltung strengster Hygiene- und Schutzmaßnahmen tun und genaustens dokumentieren. Die Kranken litten sehr unter der Situation, bestätigt auch sie. „Sie können nur telefonischen Kontakt zu ihren Angehörigen halten. Die Menschen fühlen sich abgeschnitten“, beschreibt die 58-Jährige die Atmosphäre.

Den intensivsten Kontakt habe sie in diesen Tagen mit dem Personal, für das die Seelsorger auch zuständig sind. Natürlich bereiteten die ständigen Veränderungen auch den Mitarbeitern Sorge. „Seit der vorigen Woche haben sich viele innerlich auf das Kommende eingestellt und vorbereitet,“ weiß Vanselow. Trotzdem komme Angst auf. Das sei menschlich. Sie zu spüren und zulassen, das sei wiederum nicht leicht, meint die Pfarrerin. „Wenn ich mir selbst zu zittern erlaube, löst sich die Angst oft auf.“ Diese Haltung versuche sie momentan in einfachen Worten weiterzugeben. Dass der Glaube innerlich ruhig werden lässt, vermittelt Vanselows katholischer Kollege im Johanniter-Krankenhaus. „Der Glaube gibt mir Stärke, mich letztlich immer gesichert und geborgen zu fühlen. Er trägt mich durchs Leben“, betont Semmler-Koddenbrock auch im Hinblick auf die eigenen Ängste. Das versuche erauch die Patienten und das Personal spüren zu lassen.

Gerade hat er einer Patientin am Telefon zugehört, hat ihre Einsamkeit, ihren Schmerz gespürt, erzählt er. „Dann haben wir mit dem Hörer in der Hand gemeinsam ein Vaterunser gesprochen, und ich habe sie gesegnet.“ Klinikseelsorger könnten momentan nur punktuell da sein, meint Vanselow. Eine 95-jährige Patientin habe ihr kürzlich unter Einhaltung der Hygienevorschriften und des Mindestabstands einen Brief an ihren Mann diktiert, um nicht ganz von ihm und der Familie abgeschnitten zu sein. Kirchliche Arbeit müsse in diesen Tagen besonders kreativ sein, fordert Vanselow. Die Seelsorge des Gemeinschaftskrankenhauses veröffentlicht im Intranet regelmäßig Texte der Ermutigung. Im Johanniter-Krankenhaus steht jetzt ebenfalls jeden Tag ein geistlicher Impuls auf der Homepage, berichtet Semmler-Koddenbrock. Die Klinik übertrage zudem über eine TV-Anlage jeden Mittwoch eine Andacht. Die evangelische Kollegin nehme sie in der Klinikkapelle auf, die ansonsten im Isolierbereich liegt. „Kirche muss halt aktuell neue Wege gehen“, betont der Seelsorger. „Wir müssen den Menschen vermitteln: Wir bleiben euch nah.“

(Text und BIld: Ebba Hagenberg-Miliu, erschienen im General-Anzeiger Bonn, 06. April 2020, www.ga-bonn.de)

 

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