Bericht eines Pfarrers

Unser aller Bruder

Als Pfarrer habe ich regelmäßig mit dem Tod zu tun: Bei Beerdigungen, im Umgang mit Trauernden, beim Besuch von Sterbenden. Aber auch ohne konkreten Anlass: Der Tod ist die dunkle Grenze, die destabilisieren kann. „Hat das Leben einen Sinn, wenn es doch einmal ein Ende hat?“, fragen viele. Und dann verdrängen sie schnell wieder diese bohrenden Überlegungen. Ich meine: Über den Tod nachzudenken ist eine gute Investition in das Leben!

Alle Religionen müssen eine Antwort auf die größte Bedrohung menschlicher Existenz geben - den Tod. Das Christentum macht sich über ihn nichts vor und betet mit Psalm 90,12: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Durch den Tod und die Auferstehung von Jesus vertrauen die Glaubenden aber auch: „Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ (Paulus im Brief an die Römer 6,8)

"Christinnen und Christen wissen: Leben und Tod gehören zusammen."
(Pfarrer Dr. Georg Schwikart)

Der Tod gibt dem Leben Einmaligkeit und Würde. Er gleicht einer Pforte, durch die jeder Mensch einmal zu gehen hat. Die einen jung, die anderen alt. Manche quälen sich hindurch, andere warten sehnsüchtig darauf, endlich die Schwelle passieren zu dürfen.

Jenseitsverheißungen sind keine billige Vertröstung auf etwas Besseres „danach“; das, was wir „ewiges Leben“, „Paradies“ oder schlicht den „Himmel“ nennen ist ein Symbol für eine andere Art zu sein – ohne Leiden und Schmerzen. Wer glaubt, kann sagen: „Ich werde alles überleben, sogar den Tod.“ Doch ermutigt diese Zukunftsperspektive bereits zu einem guten Leben „davor“: Schon hier und heute engagieren sich jene, die Jesus nachfolgen, für eine bessere Welt, im Großen wie im Kleinen. Dazu zählt die Arbeit in der (ambulanten) Hospizbewegung genauso wie der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden.

Die Kirchen bieten konkrete Hilfe an, für Leib und Seele. Ihr Ziel ist es, keinen allein zu lassen und miteinander den Wogen des Lebens standzuhalten. Leben heißt auch: viel improvisieren.

Vor Jahren hielt ich einen Vortrag bei einem großen Treffen von Hospiz-Mitarbeitenden in Westfalen. Es war ein drückend heißer Tag, die Hitze im Saal unerträglich. Ich trat ans Mikro, und ohne Nachzudenken entfuhr mir der Satz: „Ich weiß ja, dass ichich sterblich bin – aber muss das heute sein?“ – Das Publikum dankte mir mit einem befreienden Lachen. Manchmal hilft nur Humor, um sich über Wasser zu halten.

Franz von Assisi, der Heilige aus Umbrien, nannte den Tod unseren Bruder. Mit einem Bruder kann man streiten, man muss nicht alles gut finden, was er macht … aber man weiß genau: Wir gehören zusammen.

 

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