Bericht einer Ehrenamtlichen

Ehrenamt in der Hospizarbeit

Seit nahezu neun Jahren engagiere ich mich als ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Mit Herz und Seele. Denn neben meiner Berufstätigkeit, in der es rational, strukturiert und effizient ablaufen muss, stellt diese Tätigkeit für mich eine Bereicherung meines Lebens dar, da bei unseren Begleitungen ganz andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen: Zeit, Ruhe, Herzenswärme, Empathie.

So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Begleitungen am Ende des jeweiligen Lebens. Manche währten nur sehr kurz (nur eine oder zwei Begegnungen), manche dauerten länger (meine längste ca. anderthalb Jahre).

Jede Begleitung - ein Geschenk

Ein Geschenk der Begegnung mit einem anderen Menschen, ein Geschenk des Vertrauens im letzten Lebensabschnitt, ein Geschenk der gegenseitigen Berührung und der gemeinsam verbrachten Zeit. Ein Geschenk des gemeinsamen Erinnerns, des gemeinsamen Aushaltens und Festhaltens beim Abschiednehmen, in der Trauer und im Schmerz. Aber auch ein Geschenk der gemeinsamen Inspiration, des gemeinsamen Erlebens, des gemeinsamen Entdeckens und des gemeinsamen Lachens.

Der Beginn jeder Begleitung ist wie ein Aufbruch zu einer gemeinsamen Reise. Das Ziel steht fest, wenngleich wir zu Beginn nie wissen, wie lange diese Reise dauern und wie sie verlaufen wird.

Einige Eindrücke einer besonderen Sterbebegleitung

 Vergangenes Jahr begleitete ich eine Dame Ende fünfzig (und damit kaum älter als ich). Ihre allgemeine Lage konnte kaum ungünstiger sein: Von metastasierendem Brustkrebs bereits stark gezeichnet, im Pflegeheim untergebracht unter Menschen, die viel älter waren als sie, entzweit mit ihren engsten Angehörigen, prekäre finanzielle Verhältnisse sowie eine Pflegevormundschaft.

Trotzdem empfing mich, nennen wir sie M. (eine sehr kreative Musikerin), mit einer Offenheit, Fröhlichkeit und Herzlichkeit, als ob wir alte Freundinnen wären. Bei unseren wöchentlichen Besuchen wollte sie aber keinesfalls über ihre Krankheit und ihr nahendes Ende sprechen. Nein, wir machten uns stattdessen auf zu gemeinsamen Phantasiereisen, an denen wir Orte besuchten, wo sie bereits gewesen war oder wohin sie gerne reisen würde. M. und ich erlebten die wildesten Abenteuer und kehrten nach unseren Gedankenreisen fröhlich, inspiriert und lebendig wieder. Dies gab ihr u.a. die Kraft, eine weitere schwierige Woche zu überstehen. Einmal kam ich zu Besuch und sie meinte: „Ich brauche jetzt einen Mann.“ Daraufhin verbrachten wir einen vergnüglichen Nachmittag mit dem Formulieren einer Partnerschaftsanzeige (die natürlich nie aufgegeben wurde).

Da sie als Folge ihrer Erkrankung kaum noch sehen konnte, konzentrierte sie sich mehr aufs Hören und nutzte oft Handy-Sprachnachrichten. So sollte ich ihr vor besonders schwierigen Arztterminen einfach eine positive Nachricht oder liebe Grußworte aufnehmen, die sie dann an dem entsprechenden Morgen zur Stärkung hören konnte.

Durch den ersten Lockdown im März 2020 konnte ich sie leider einige Wochen nicht besuchen. Als ihr Zustand sich immer weiter verschlechterte, reagierte die Pflegeeinrichtung glücklicherweise sehr umsichtig und flexibel und erlaubte Besuche unter Einhaltung der Sicherheits- und Hygienebestimmungen. Bei einer unserer letzten gemeinsamen Stunden, die sie noch außerhalb ihres Bettes verbringen konnte – und unser erstes Wiedersehen nach der Lockdown-bedingten Trennung – saßen wir im sonnigen Garten und speisten Pizza vom Lieferdienst – ein fürstliches Festmahl hätte nicht schöner sein können. (In der Sterbephase konnte der Kontakt zur geliebten Tochter wieder hergestellt werden und M. konnte kurze Zeit später friedlich einschlafen).

Was bleibt?

Diese Reihe lebendiger Eindrücke und Erinnerungen an andere Sterbebegleitungen ließe sich weiter fortsetzen und wird sicherlich in Zukunft noch weiterwachsen.Die durch eine Sterbebegleitung entstehende Beziehung zum anderen ist manchmal herausfordernd, aber stets authentisch und echt. Und in jeder Begleitung gibt so viel Schönes und Lebendiges zu entdecken. Es lohnt sich, sich immer wieder aufs Neue darauf einzulassen.
(Sabine Weber)

0228 / 62 906 900